Erfahren und Arbeitslos

Erfahren und Arbeitslos

erschienen in der „Denkpause“ in der Schweizer Familie vom 10.07.2014

Das Rentenalter soll erhöht werden, dabei finden schon heute über 50-jährige Stellenlose kaum mehr Arbeit. Unser Autor Ruedi Winkler zeigt Wege aus der Altersapartheid auf.

Über 50-jährige werden häufiger entlassen als früher.» Anfang Juli hat die Meldung einer Stellenvermittlungsfirma ein riesiges Medienecho ausgelöst. Und die Schweiz fragt sich plötzlich bang: Sind ältere Arbeitnehmer nicht mehr begehrt? Herrscht auf dem Arbeitsmarkt eine «Altersapartheid»? Ein Begriff, der erstmals in den Achtzigerjahren im Land die Runde machte.

Alle rühmen die Älteren und ihre Erfahrung, aber niemand will sie. Was steckt hinter diesem scheinbaren Paradox? Der Schlüssel liegt dort, wo entschieden wird, wer eine Stelle erhält und wer nicht. Das ist nicht in der Politik, nicht in den Regionalen Arbeitsvermittlungsstellen und auch nicht in der Beratungsindustrie, die sich rings um die Stellensuchenden gebildet hat. Entschieden wird bei den Firmen, bei Organisationen, in der Verwaltung, kurz, überall dort, wo Arbeitsplätze zu vergeben sind.

Unsicherheit, Leerlauf, Hektik

Es wäre abenteuerlich zu behaupten, Unternehmen würden bewusst nicht jene Leute einstellen, die sie für die Besten halten. Darum lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Arbeitswelt verändert sich massiv und rasant. Das hat verschiedene Gründe. Erstens wird durch die Technologie die Arbeit abstrakter. Zwischen den Angestellten und das Resultat seiner Arbeit schiebt sich die Informatik, was den direkten Bezug des Menschen zu seinem Tageswerk erschwert. Zweitens nimmt die Arbeitsteilung in den grossen Betrieben zu, wodurch der Anteil der eigenen Arbeit am Endprodukt immer weniger auszumachen ist. Drittens führt die internationale Konkurrenz zu raschen und laufenden Anpassungen und Umstellungen in betrieblicher Organisation und Produktion. Und viertens grassiert in den Unternehmen die Unsitte, die Organisation zu verändern, statt Probleme zu lösen. Das führt zu Unsicherheit, Leerlauf, Hektik und Demotivation der Arbeitnehmer.

Hier liegt die erste Krux. Werden bei Umfragen ältere Arbeitnehmer gefragt, worauf sie besonderen Wert legen, liegen regelmässig folgende Aspekte weit vorne: Sinnfindung bei der Arbeit und respektvoller Umgang miteinander. Wird jedoch die Arbeit abstrakter, ist es für den Einzelnen immer schwieriger, den Sinn der eigenen Arbeit zu erkennen. Und vom respektvollen Umgang miteinander können viele nur träumen, sie wären schon froh, wenn der Anstand gewahrt bliebe. Jüngere stecken das offenbar leichter weg. this website – medicinechaser

Und was ist mit der Erfahrung älterer Arbeitnehmer? Hier liegt eine weitere Krux: Erfahrung im Umgang mit Menschen, mit Veränderungen generell, in Krisenfällen und ähnlichen Situationen ist in der Regel hilfreich. Aber das reflexartige Zurückgreifen auf Routine – «Das hatten wir auch schon», «Das haben wir immer so gemacht» – kann im Tagesgeschäft blockierend, mühsam und zeitaufwendig sein. All das führt dazu, dass Personalentscheide häufig zugunsten jüngerer Bewerberinnen und Bewerber ausfallen, ob im Einzelfall gerechtfertigt oder nicht.

Balance zwischen Rendite und Motivation

Eine indirekte Wirkung haben zudem die abgehobenen Renditeforderungen der Grossaktionäre. Unternehmen, insbesondere solche, die an der Börse sind, werden von diesen Forderungen terrorisiert. Und gezwungen, Renditen herauszuwirtschaften, die auch mit bester Führung eines Unternehmens nicht erreichbar sind. In der Folge geht es an die Substanz – auch an jene der Mitarbeiter. Gelingt es einer Firma nicht, die Balance zwischen dem Renditedruck und motivierenden Arbeitsverhältnissen zu schaffen, werden die Angestellten zum Gebrauchsartikel. Und wenn sie verbraucht sind, müssen sie gehen, oder sie werden krank. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Managementausbildung das Schwergewicht auf die Erfüllung kurzfristig ausgerichteter Forderungen der Aktionäre gelegt wird. Aus dieser Sicht sind Mitarbeiter nur Kostenfaktoren. Und deren Pflege, Förderung und Entwicklung als die zentrale Quelle der Wertschöpfung kein Thema.

Regenerieren und reflektieren

Es gibt nichts zu beschönigen. So, wie heute die Arbeitswelt funktioniert und wie die Kräfte wirken, die sie beeinflussen, sind die Älteren im Nachteil. Doch eine Wirtschaft, die meint, auf über 50-Jährige verzichten zu können, ist auf dem Holzweg. Über 50-Jährige, die glauben, allein auf ihre Erfahrung setzen zu können, allerdings auch. Der Mangel an kompetenten Arbeitskräften ist in fast allen Berufsbereichen offensichtlich. Der im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft verfasste und im April 2014 veröffentlichte Bericht «Fachkräftemangel in der Schweiz» belegt, dass der Bedarf an qualifizierten Angestellten weit verbreitet ist. Die demografische Entwicklung mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in die Pension wird den Fachkräftemangel zusätzlich akzentuieren. Deshalb sind ein Umdenken und neue Wege nötig. Bei allen Beteiligten. Die wichtigsten Punkte, bei denen angesetzt werden sollte:

  • Wenn immer möglich, sollten Menschen unterschiedlichen Alters und Dauer der Betriebszugehörigkeit zusammenarbeiten. Dadurch beginnen die Generationen voneinander zu lernen. Damit dies gelingt, braucht es den Aufbau einer entsprechenden Betriebskultur, und es braucht den ausgeprägten Willen der Unternehmensführung, diese durchzusetzen.
  • In der Management- und Führungsausbildung muss mehr Wert auf die Mitarbeiter gelegt werden. Wie können sie gefördert und ihrem Potenzial entsprechend eingesetzt werden? Wie sind sie für die Unternehmensziele zu gewinnen?
  • Die Aktionäre sollten ihre Renditevorstellungen auf die realen Möglichkeiten einer nachhaltigen Wirtschaft ausrichten und nicht egoistisch Kapital aus den Firmen schlagen. Hier steht auch die Politik bei der Formulierung der Rahmenbedingungen in der Pflicht.
  • Ungefähr in der Mitte des Arbeitslebens, bei den meisten Menschen zwischen 45 und 50, sollte die Möglichkeit für eine Regenerations-, Neuorientierungs- und Aufbauphase geschaffen werden. Ein Grossteil der Menschen in dieser Lebensphase hat ein solches Bedürfnis, kann sich aber nicht die Zeit dafür nehmen, meist vor allem aus finanziellen Gründen. Deshalb sollte die AHV so umgebaut werden, dass jeder Arbeitnehmer Anspruch auf eine «Zwischenrente» für ein Jahr hat. Um dieses Jahr könnte das Rentenalter dann auch wieder erhöht werden. Die Vorteile einer solchen Verschnaufpause sind bestechend: Menschen, die in der Lebensmitte regenerieren, sich auf ihre Lebensziele besinnen und ihre letzte Phase der Berufszeit allenfalls neu gestalten können, sind bereicherte Menschen und wertvolle Mitarbeiter.

Was meinen Sie? Gehören über 50-jährige Angestellte schon zum alten Eisen? Oder soll ihre langjährige Berufserfahrung mehr gewichtet werden?

14-07-10 Denkpause Schweizer Familie

Soziale Sicherheit ist mehr als Geld: Es braucht eine 4. Vorsorgesäule mit Zeitvorsorge

Bundesrat Berset hat mit seinen Vorschlägen zur Revision des sozialen Sicherungssystems viel Widerspruch ausgelöst. Im Inhalt unterschiedlich, aber immer mit der Frage der Finanzierung im Mittelpunkt. Soziale Sicherheit ist jedoch nicht nur eine Frage der genügenden Finanzen.

Die finanzielle Seite ist zweifellos sehr wichtig, wie z.B. die Grafik im Bericht des eidg. Finanzdepartements „ Langfristperspektiven der öffentlichen Finanzen in der Schweiz 2012“ zeigt.

Schuldenquote

EFD 2012

Aber soziale Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Finanzen, soziale Sicherheit ist ebenso auf weitere Ressourcen angewiesen. Für die Sicherung der längerfristigen Solidarität und des Zusammenhalts i n der Gesellschaft ist mindestens so entscheidend,  wie gut die direkte Unterstützung von Mensch zu Mensch funktioniert. Solidarität und Zusammenhalt  gedeihen nur, wenn sie auch erlebbar sind und durch die Begegnung zwischen Menschen genährt werden. Sie können nicht nur mit finanziellen Beiträgen am Leben gehalten werden.  Es braucht beides.

Zukunftsfähigkeit entscheidend

Die Zukunft wird auch der Schweiz Entwicklungen bescheren, die eine Neugestaltung der sozialen Sicherheit nötig machen. Die demografische Entwicklung wird bis 2040 dazu führen, dass auf gut  zwei Erwerbstätige eine Person im Rentenalter kommt. Im Gegensatz zu heute, wo  auf mehr als drei Erwerbstätige eine pensionierte Person kommt. Die Menschen werden einerseits wesent­lich älter und anderseits entsteht eine neue Generation, die Menschen im sogenannten Dritten Lebensalter zwischen der Pensionierung und ca. 75 Jahren. Diese Menschen sind noch bei guter Gesundheit und aktiv. Eine solche Generation gibt es das erste Mal in der Menschheitsgeschichte. Deshalb haben sie keine Vorbilder für ihre Lebensgestaltung und ihre Rolle in der Gesellschaft.  Diese Generation muss ihre Rolle erst noch finden.  Ein Teil davon wird sein,  dass sie einen Beitrag zum Gleichgewicht in der Gesellschaft leistet. Da die Unternehmen Menschen in diesem Alter nur sehr selektiv zu beschäftigen gewillt sind und die meisten auch nicht noch länger im bisherigen Sinne berufstätig sein können und wollen, trägt eine  Erhöhung des Rentenalters nur sehr wenig zur Lösung bei.  Es braucht neue Modelle, neue Formen, wie diese Generation mit beträchtlichen Ressourcen und Kompetenzen ihren Anteil an der  Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen kann – und muss.  Der schrumpfende Anteil der Erwerbstätigen wird nicht akzeptieren, dass sie immer mehr Lasten übernehmen muss.

Es braucht deshalb neue Lösungen. Eine mögliche Lösung ist die Zeitvorsorge mittels Zeitgutschriften. Die folgende Grafik des Vereins KISS zeigt dies anschaulich:

Vorsorge in der Schweiz

Schweizweit geldfreie 4. Vorsorgesäule KISS

Zeitgutschriftensysteme gibt es bereits in verschiedenen Ländern in unterschiedlicher Form. Erfahrungen mit Zeitwährungen haben die USA in Form des Time Dollars seit 1986. Ebenfalls sehr verbreitet sind Zeitgutschriften in Japan. Dort hat die Einführung dieser Währung zu einem deutlichen Anstieg der erbrachten Leistungen geführt und es arbeiten mehrere Hundert Betreuungsdienste nach diesem Prinzip. In Deutschland und Österreich gibt es bereits zahlreiche Gemeinden (z.B. Riedlingen, Dietzenbach usw.) und Organisationen (Zeitbank 55+ usw.), die seit längerer Zeit nach diesem Prinzip arbeiten. In der Schweiz ist das Projekt Zeitvorsorge der Stadt St.Gallen in Vorbereitung. Die zwei KISS Pilotprojekte im Kanton Obwalden und in der Stadt Luzern sind dieses Jahr gestartet und die Genossenschaften KISS Obwalden bzw. KISS Luzern sind gegründet. Viele weitere Gemeinden, nicht zuletzt wegen der Pflegeversicherungsverordnung des Bundes, sind sehr interessiert.

Wichtige Erfahrungen werden  gesammelt. Die Zukunft hat auch bei der sozialen Sicherheit schon begonnen.

Links: www.kiss-zeit.ch
www.stadt.sg.ch/home/gesellschaft-sicherheit/aeltere-menschen/zeitvorsorge
www.ruediwinkler.ch

13.11.2013

Über die Wichtigkeit der Anerkennung der non-formalen und informellen Kompetenzen

Mein Bezug zur Anerkennung non-formal oder informell erworbener Kompetenzen und der Validierung hat zwei Quellen. Eine ist die Art, wie ich aufgewachsen bin. Ich wuchs auf einem Bauernhof auf und hatte jeweils absolut kein Verständnis, wenn meine Schulkameraden sagten, wenn sie nach Hause kämen, müssten sie immer zuerst die Schulaufgaben machen. Für mich war das unvorstellbar. Denn dann wollte ich aus den Schulkleidern hinaus und auf dem Hof mithelfen. Die Schulaufgaben konnten warten. Ich ging gerne zur Schule, aber ich hätte mir nie vorstellen können, die Schule als den zentralen Teil meiner Jugend anzuschauen. Das war die Familie und das war der Bauernhof. Deshalb sage ich wie viele andere, wenn ich gefragt werde, wo ich am meisten gelernt habe: „Sicher nicht in der Schule, das war auch nützlich, aber Wichtiges habe ich in der Familie und auf dem Hof gelernt.“ Also das Wichtigste habe ich non-formal und informell gelernt. Nach einer Zeit des Bauerseins übernahm mein jüngerer Bruder den Hof und ich machte die Matura, dann studierte ich Ökonomie an der Universität Zürich und arbeitete einige Jahre auf einer Bank. Mitte der 80-er Jahre kam ich zum Arbeitsamt und in den 90-er Jahren war ich dessen Direktor. Seit elf Jahren führe ich ein eigenes Büro für Personal- und Organisationsentwicklung. Beim Arbeitsamt kam dann der zweite Anstoss, im Zusammenhang mit der Anerkennung der non-formalen und informellen Kompetenzen aktiv zu werden: Immer wieder kamen erwerbslose Menschen auch zu mir, die sehr viel konnten, aber keine Papiere für einen formalen Abschluss hatten. Das schien mir total widersinnig.

Wie können Geringqualifizierte qualifiziert werden?

Wenn ich früher meinem Vater bei der Arbeit half und etwas ungeschickt anging, dann tippte er jeweils an den Kopf und sagte „Man muss es halt da haben, und nicht da“, wobei er auf die Muskeln am Arm http://www.viagrabuynow.com zeigte. Manchmal aber war es auch umgekehrt, er zeigte auf die Muskeln am Arm und sagte: „Man muss es halt da haben, und nicht da“ und tippte sich dabei an den Kopf.

Wenn wir von Geringqualifizierten sprechen, dann meinen wir praktisch ausnahmslos jene, die es – um im Bild zu bleiben – eher in den Armen als im Kopf haben. Das zeigt eines deutlich: Es kommt drauf an, was gefragt ist, und ob man für diese Anforderungen qualifiziert ist. In unserer Gesellschaft definieren die intellektuell Stärkeren, was „qualifiziert“ ist und nicht die handwerklich Stärkeren. Das, obwohl z.B. an qualifizierten Handwerker/innen – unabhängig von der Wirtschaftslage – in der Schweiz immer ein grosser Mangel herrscht. Aus diesem Grund möchte ich auch als erstes die Frage aufwerfen „was heisst berufliche Qualifikation“ und was heisst „gering qualifiziert“?. Die
berufliche Qualifikation ist grundsätzlich definiert als die Gesamtheit aller Fähigkeiten und Kompetenzen, die ein Individuum zum Erfüllen einer bestimmten beruflichen Tätigkeit benötigt.

Mikrokredite in Metropolen

0060-084Der Verein GO! unterstützt seit Februar 2009 Selbstständige und solche die es werden wollen. Durch die Vergabe von Mikrokrediten bis maximal 40’000.– Franken zu fairen Konditionen und kompetenter Beratung begleitet Sie GO! Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit. Auf Wunsch werden Sie zusätzlich durch unsere Mentorinnen und Mentoren unterstützt. Seit Beginn haben wir über 78 Interessierte erfolgreich bis zur Kreditvergabe begleitet. Die durchschnittliche Kreditsumme betrug etwas mehr als 20’000.– Franken.

Interessierte brauchen keine bankenüblichen Sicherheiten. Unsere Stärke ist es, Zielgruppen den Zugang zu Kapital verschaffen zu können, die in der Regel keine Finanzierungsmöglichkeiten über eine Bank erhalten würden. Entscheidend sind eine überzeugende und konkrete Geschäftsidee, die markttauglich ist und die Fähigkeit, ihr Geschäft erfolgreich zu führen.

Mikrokredite werden an Personen vergeben, die im Kanton Zürich oder in einem der angrenzenden Kantone http://cialis20mgbestprice.com/ wohnhaft sind oder den Geschäftssitz in dieser Wirtschaftsregion haben.

Der Verein GO! ist eine Non-Profit-Organisation und wird von der Stadt Zürich, der Zürcher Kantonalbank, die auch Partnerbank ist, dem Migros-Kulturprozent und weiteren Sponsoren unterstützt.

Referat Diplomfeier Höhere Fachprüfung Arbeitsagogik

Referat an der Diplomfeier der Höheren Fachprüfung Arbeitsagogik
vom 28.11.2013 zu Arbeitsmarktintegration

Vielen Dank für die Einladung zu diesem Referat. Diplomfeiern gehören zu jenen Anlässen, die rundum erfreulich sind. Die Gefeierten haben ein Ziel erreicht, für das sie redlich oder auch hart gearbeitet haben und das wird jetzt mit dem Abschluss belohnt. Ein wichtiger Abschnitt ist abgeschlossen und das Diplom öffnet für die Zukunft neue Türen. Ich wünsche Ihnen sehr, dass dies möglichst viele Türen sind und dass sie die richtige wählen.

Mein Thema ist Arbeitsintegration. Der Begriff Integration generell ist für mich entscheidend  dadurch geprägt, dass er auf Gegenseitigkeit beruht. Es braucht zwei Seiten für eine erfolgreiche Integration, alles andere ist einseitige Anpassung. Das kommt n.m.M. in einem Kernsatz der eidg. Migrationskommission zur Integration sehr schön zum Ausdruck: Integration ist Partizipation. Das gilt selbstverständlich auch für die Arbeitsintegration.

Im Berufsprofil für Arbeitsagoginnen und Arbeitsagogen lese ich u.a. dass Ihre Klientinnen und Klienten Menschen sind, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt beeinträchtigt sind. Ich muss gestehen, dass ich mit dem Wort Klient schon immer sehr Mühe hatte. Ich weiss immer nicht recht, was das inhaltlich bedeutet. Ich habe das Wort im Google – wo denn sonst – eingegeben und habe etwas Interessantes gefunden: Das Wort Klient entstammt der lateinischen Sprache und bedeutete ursprünglich so viel wie „Höriger“. Bezogen auf die Gesellschaft im alten Rom verstand http://viagrabuynow.com/ man unter Klienten Menschen mit wenigen Rechten, die einem Herrn, einem Patron, unterstanden. In der heutigen Zeit aber sei der Klient vom Wortsinn her zunächst einmal als Oberbegriff für einen Kunden zu verstehen, der einen Auftrag erteilt. Das gefällt mir schon besser, obwohl ich manchmal den Eindruck habe die frühere Bedeutung sei das Wort noch nicht ganz los geworden.

Aber das Interessanteste ist für mich, dass zu Beginn der Schlüsselaufgaben der Arbeitsagoginnen und –agogen der Satz steht: „Arbeit ist ein Menschenrecht und ein zentraler Pfeiler des Menschen“. Arbeit als Menschenrecht das ist verankert in der

Menschenrechtskonvention der UNO. Aber als Schlüsselaufgabe der Arbeitsagoginnen und –agogen? Da haben Sie sich ja einiges vorgenommen in einer Welt, die gemäss der Internationalen Organisation für Arbeit ILO 203 Millionen Arbeitslose zählt, einer OEDC mit 40 und einer EU mit 27 Millionen. Denkt man noch daran, dass diese Zahlen seit Jahrzehnten steigen und der Trend für die Zukunft keineswegs rosiger aussieht schon  ein ziemliche Herausforderung.

Es ist den aus meiner Sicht auch denkbar, dass die immer wieder aufflammende Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen als Reaktion auf diese Entwicklung verstanden werden kann. oder als einer unter vielen Gründen kann betrachtet werden kann. Also nicht Recht auf Arbeit,  sondern Recht auf ein Einkommen. Aber das wäre ein eigenes Referat.

Seit ich Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts meine Stelle beim Arbeitsamt der Stadt Zürich antrat, ist das Thema Arbeitsintegration in sehr unterschiedlichem Zusammenhang ein zentraler Teil meiner Arbeit. Ich habe in dieser Zeit einige Dinge gelernt und es hat  sich auch einiges  verändert:

  1. Wirtschaft und Politik reden viel und oft besorgt von der Arbeitslosigkeit und von der Notwendigkeit, dass diese bekämpft werden müsse. Aber eigentlich wirklich etwas tun dagegen will niemand. Das ist ein schwerer Vorwurf. Ich begründe ihn:
    • Anfangs der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts waren in der OECD rund 18 Millionen Menschen ohne Arbeit, heute sind es gut 40 Millionen. Und in all diesen Zeiten gab es kaum eine Regierungs- und Parlamentswahl in einem dieser Länder, in dem nicht alle Parteien und ihre Kandidierenden sagten, sie wollten die Arbeitslosigkeit dezidiert  bekämpfen.
  1. In den achtziger Jahren gab die OECD einen Bericht heraus, der besagte, dass die Hauptstrategien gegen die Arbeitslosigkeit in den OECD Ländern nicht wirksam sind gegen die Arbeitslosigkeit. Noch heute werden die genau gleichen Rezepte heruntergeleiert. Ernsthafter Wille sieht anders aus.Als es in der Schweiz noch die Wirtschaftsweisen gab, also vor vierzig Jahren, sagte einmal einer von ihnen, dass es Arbeitslosigkeit nicht gäbe wenn sie die politisch Verantwortlichen nicht wollten. Es trug ihm einen persönlichen Abrieb beim damaligen Volkswirtschaftsminister ein. Wenn es den Hund trifft so bellt er.Der tiefere Grund, warum Arbeitslosigkeit  und ihre Bekämpfung ein allgegenwärtiges Thema ist, sie aber ungerührt weiter steigt, die Schweiz ist da, zur Zeit noch, eine Ausnahme, liegt darin, dass sie ohne die Frage der Verteilung der Arbeit  nicht zu lösen ist. Aber Verteilungsfragen sind die absoluten Stiefkinder der gängigen Oekonomie und sie berührt sehr machtvolle Interessen.  Darum ist zu befürchten, dass auch weiterhin viel vom Kampf gegen Arbeitslosigkeit geredet aber nicht wirklich etwas dagegen getan wird.
  2. Die moderne Arbeitswelt stellt Anforderungen an die Menschen, die in dieser Ballung und in diesem Ausmass für einen immer grösseren Teil der Menschen schwer zu bewältigen ist. Aus meiner Sicht sind es vor allem die Anforderungen an die raschen Veränderungen, die Mobilität, das Tempo und die Unsicherheit. Die Arbeitsteilung nimmt zu, die Arbeit wird, v.a. aufgrund der Informatik, abstrakter (BMW) in immer mehr Bereichen drängt sich die EDV zwischen den Menschen und die konkrete Arbeit. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich genau in diesem Umfeld wohlfühlen, aber  für einen wachsenden Teil ist das alles zusammen zunehmend belastend und vor allem auf die Länge schwierig zu bewältigen. Die Spitze des Eisbergs sind die zunehmenden psychischen Probleme und Burnouts von Menschen im erwerbsfähigen Alter.Der Mensch braucht ein gewisses Ausmass an Berechenbarkeit und an Gewissheiten.  Das Pech ist, dass ausgerechnet zur gleichen Zeit, da die Berechenbarkeit und die Gewissheiten in der Arbeitswelt zurückgehen auch jene in der Gesellschaft schwinden.  Das macht Arbeitsintegration nicht einfacher.
  3. Nach der traditionellen oekonomischen Lehre gibt es drei klassische, gleichwertige Produktionsfaktoren:  Arbeit, Boden, Kapital. In jüngerer Zeit wird oft noch das Wissen dazugenommen. Mit Produktionsfaktoren meinte die Oekonomie Elemente, die es für die Produktion auf jeden Fall braucht, keiner ist wichtiger, weil die anderen nichts Wert sind, wenn  einer fehlt. In der Praxis hat jetzt aber eine Verschiebung stattgefunden. Das Kapital wird immer dominanter. Das kommt z.B. bei den Renditeansprüchen zum Ausdruck, lagen diese bis anfangs 90er Jahre des letzten Jahrhunderts noch bei etwa  sechs bis acht Prozent, so kamen in den 90 er Jahren mehr und mehr die Forderungen nach Renditen von 20 und 25 Prozent, obwohl oekonomische Untersuchungen immer wieder zeigen ,dass ein Unternehmen im Normalfall längerfristig höchstens Kapitalrenditen zwischen 5 – 8 Prozent verkraften kann. Nur beeindruckt das die Kapitaleigner und –verfüger nicht. Und ein weiterer Hinweis: Bundeskanzlerin Merkel sagte schon zu Beginn der Eurokrise, man dürfe die Märkte nicht beunruhigen. Man stelle sich das einmal vor: Die Bundeskanzlerin von Deutschland, sagt, ja nichts machen, das die Reichen Leute beunruhigt.  Nicht die Bürgerinnen sind der Massstab für die Politik, sondern die Kapitaleigner und –verfüger.

Also ist Arbeitsintegration eine Sisyphusarbeit?

Ja, das ist sie. Aber in einem ganz bestimmten Sinne:  Ich habe einmal gelesen, vielleicht sei Sisyphus der glücklichste Mensch der Welt gewesen, denn immerhin brachte er den Stein immer wieder den Berg hinauf. Und das trifft Arbeitsintegration sehr gut.

Sie wissen, die Stellen auf Lebenszeit sind im Rückgang begriffen. Die Arbeitswelt ist schnelllebig und es rechnet kaum mehr jemand, vor allem auch die Jungen nicht, mit langjährigen Arbeitsverhältnissen, obwohl es sie natürlich immer noch gibt, aber man weiss es erst, wenn‘s so gewesen ist.

Sie werden Menschen dabei unterstützen, in die Arbeit zu kommen, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht so gut sind. Sie können also nicht davon ausgehen, dass gerade bei diesen der generelle Trend in der Arbeitswelt nicht auch spielt. Deshalb finde ich den Vergleich mit Sisyphus passend, immer wieder eine Lösung finden, schauen, dass sie eine Weile hält und wenn es vorbei ist, den Stein wieder von neuem auf den Berg schieben.

Wohin integrieren?

Das war jetzt nicht gerade ermutigend.  Aber schaut man etwas genauer hin, dann ist man nach wie vor immer wieder erstaunt, wie vielfältig diese Arbeitswelt ist. Besonders auch in der Schweiz mit ihren vielen KMU, mit den vielen regionalen Unterschieden und mit einem nach wie vor hohen Anteilen an Firmen, die dem Gedanken der Sozialpartnerschaft nicht nur auf dem Papier verpflichtet sind. Wir sind z.B. zur Zeit am Aufbau eines Projekts, das sich zum Ziel gesetzt hat, jenen 3-5 Prozent von Jugendlichen, die pro Jahr nach Schulabgang keine Anschlusslösung finden, bei verschiedenen Versuchen gescheitert oder nicht weitergekommen sind, einfach einmal eine Arbeitsstelle zu suchen. Und es ist erstaunlich wie gross die Bereitschaft verschiedenster Firmen ist, einem solchen Menschen eine Chance zu geben.

Also eine gute Grundlage für Ihre konkrete Arbeit.

Ich versuche meine Erfahrungen mit der Arbeitsintegration in fünf Punkten zusammenzufassen:

  1. Die Menschen, um deren Integration es geht, dürfen in keinem Moment im Zweifel darüber sein, wer für Ihre Integration die Verantwortung hat: sie.Dass diese gelingt hängt von drei Punkten ab:
    • Ihre Stärken zu kennen und auf diese zu bauen, was jemand nicht kann, interessiert keinen Menschen und die Betreffenden selbst lähmt es.
    • die Menschen, um die es geht, als Partner mit gemeinsamem Projekt behandeln, und die Rollen klar definieren: Sie wollen integriert werden und wir helfen dabei.
      Wer nicht will muss die Folgen selber tragen. Stossen an der Schnur geht auch hier nicht.
  2. Das sicherste Mittel um eine Firma nachhaltig für die Arbeitsintegration zu verlieren, ist, ihr ungefragt zu erklären, wie sie das machen soll.
    Ihr Unterstützung anbieten, wenn sie sich auf ein Projekt einlässt fördert die Erfolgschancen sehr.
  3. Wer missionieren will, gehe in die Mission, aber lasse die Finger von der Arbeitsintegration.
    Mit Arbeitsintegration kann man die Welt nicht verbessern, aber man kann das Gute hervorholen, ausfindig machen, die Vorteile zeigen.
    Gute Verkäufereigenschaften sind sehr von Vorteil
  4. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen hat ihre Grenzen, der Glaube an sie nicht.
  5. Arbeitsintegration hat eine immense gesellschaftliche und politische Dimension. Wenn immer möglich sollten Leute, die in der Arbeitsintegration tätig sind sich auf in der Oeffentlichkeit mit ihren Erfahrungen und Lösungswegen bemerkbar machen.
    Viele Vorurteile bleiben nur solange am Leben, wie sie niemand mit praktischen Beispielen widerlegt. Untaugliche Lösungsvorstellungen solange bis jemand tauglichere vorschlägt.

Ich komme zum Schluss. Ich habe Sie jetzt bewusst etwas durch ein Wechselbad geführt. Daran werden Sie sich in Ihrer zukünftigen Arbeit gewöhnen müssen. Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg und alles Gute.